/Deutschland und die Türkei

Deutschland und die Türkei

Die zahlreichen Leserbriefe in der Badischen Zeitung zeigen, dass die diplomatischen Auseinandersetzungen viele Bürger beschäftigt haben. Die CDU-Kreisvorstände Lörrach und Breisgau-Hochschwarzwald beeilten sich noch schnell, ein Aussetzen der EU-Beitrittsverhandlungen zu fordern, obwohl dieses Thema zur Zeit überhaupt nicht aktuell ist. Besser wäre es gewesen, wenn die CDU von Anfang an versucht hätte, dafür zu sorgen, dass es gar nicht erst zu einer EU-Beitrittsperspektive gekommen wäre. Den deutsch-türkischen Beziehungen hätte das wahrscheinlich langfristig gesehen sogar mehr gedient; denn dann wären von vornherein die Verhältnisse klar gewesen.

In den letzten etwa 100 Jahren hatten beide Länder fast immer freundschaftliche Beziehungen: 1915 gelang es den Türken mit deutscher Hilfe, die Dardanellen erfolgreich gegen die britischen Angriffe zu verteidigen. 1943 bemühte sich Churchill vergeblich, die Türkei zum Kriegseintritt gegen Deutschland zu bewegen. Erst zwei Monate vor Kriegsende erklärte sie formell Deutschland den Krieg, um Mitglied der Vereinten Nationen zu werden. Nach dem zweiten Weltkrieg hatte Deutschland bei der türkischen Bevölkerung noch lange einen guten Ruf.

(Peter Bulke)

1961 wurde das Anwerbeabkommen für türkische Arbeitskräfte abgeschlossen. Zum 50. Jahrestag berichtete die FAZ 2011 über die damaligen Hintergründe. Die Initiative ging von der Türkei aus. Der zuständige westdeutsche Bundesarbeitsminister Theodor Blank (CDU) lehnte die Anwerbung wegen zu großer kultureller Distanz ab. Aber die Bundesregierung insgesamt gab dem Druck der USA nach, weil die Türkei NATO-Mitglied geworden war. Natürlich fand das Abkommen auch die Zustimmung der expandierenden westdeutschen Industrie, zumal der Zustrom von Leuten aus der DDR durch den Mauerbau in Berlin plötzlich gestoppt worden war. Es folgten bekanntlich immer weitergehende Vereinbarungen Deutschlands bzw. der EU mit der Türkei, die schließlich die EU-Mitgliedschaft zum Ziel hatten.

Gegenwärtig liegen Welten zwischen den führenden politischen Kräften in Deutschland und denen der Türkei.  In unserem Land ist die Vorstellung in den Vordergrund gerückt, dass Nationalität/Volkstum  bedeutungslos seien: „Der Islam gehört zu Deutschland“ – „Das Volk ist jeder, der in diesem Lande lebt“ (Merkel) – In NRW fordern SPD und GRÜNE die Verankerung des Wahlrechts in der Landesverfassung auch für die Einwohner ohne deutschen Pass!  Erdogan sagte dagegen 2010 zu Türken in Deutschland: „Zwei Pässe zu haben wird euch nicht von eurer hauptsächlichen Identität entfremden. Ihr seid die Blutsverwandten…“.  Zuvor meinte er einmal, Assimilation sei ein Verbrechen.  Welten zwischen Deutschland und der Türkei liegen auch darin, dass eine alternde einer wachsenden, jungen Bevölkerung gegenübersteht und die (west-)deutschen Regierungen seit Jahrzehnten eine positive Bevölkerungspolitik ablehnen. Dadurch wird die Türkei geradezu zu einer Art Eroberungspolitik eingeladen. Schon ein Vorgänger Erdogans – Demirel – äußerte einmal zum damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt: „Wir produzieren die Kinder, und ihr werdet sie aufnehmen.“