/Gefährlicher Putin?

Gefährlicher Putin?

Von Peter Bulke |   Zeitlich passend zu den derzeitigen russischen Kulturtagen in Freiburg hatte eine Freiburger Studentenverbindung einen Russland-Kenner zu einem Vortrag in ihr Verbindungshaus eingeladen. Er war Boris Reitschuster, der bis 2016 insgesamt fast 16 Jahre lang in Moskau gelebt und als Journalist für FOCUS gearbeitet hat. 2012 hatte er wegen einer putinkritischen Schrift Russland vorübergehend verlassen müssen.

Reitschuster berichtet von einer starken Sowjet-Nostalgie in Russland. Das Land bewege sich mit Sieben-Meilen-Stiefeln zurück zu Stalin. In der Jelzin-Zeit hat bekanntlich die Masse der Bevölkerung wirtschaftliche Not erlebt. Zugleich gab es in dieser Zeit aber auch große Gewinner: superreiche Oligarchen. Deshalb, so der Referent, bestehe im Volk vielfach das Gefühl, dass Demokratie mit Betrug verbunden sei. Jelzins Nachfolger Putin habe nicht dafür gesorgt, dass den Oligarchen der „gestohlene“ Reichtum wieder abgenommen wurde, sondern habe im Gegenteil gleich nach Amtsantritt eine Amnestie zugunsten dieser Personen erlassen. Er habe dann eigene Günstlinge zu weiteren Oligarchen werden lassen, und riesige Besitztümer der Reichsten befänden sich jetzt im Ausland.

Großen Einfluss hat der Geheimdienst KGB. Diese Beurteilung konnte Reitschuster anhand von Beispielen aus der Justiz untermauern. Gerichte seien nicht unabhängig. Sogar die Kirche sei mit dem KGB verbunden. In den Medien würden Ängste vor der NATO geschürt. Außenpolitisch versuche Russland, den Westen zu destabilisieren. Es werde auch für eine europäische Staatenunion von Wladiwostok bis Lissabon geworben.

 

Reitschuster wünscht sich eine Politik der Stärke gegenüber Russland. Das Thema seines Vortrags lautete übrigens: „Putins verdeckter Krieg – warum er für Deutschland und Europa gefährlich ist“. Eine solche Formulierung ist natürlich an Einseitigkeit nicht zu überbieten. Man fühlt sich in die Zeit des Kalten Krieges versetzt. Auf den Diskussionsbeitrag, dass die Idee der Europäischen Staatenunion unter Einschluss Russlands durchaus überlegenswert sei, antwortete der Referent, dass ihm die Demokratie wichtiger sei. Doch was soll eine solche Antwort? Mag der KGB in Russland großen Einfluss haben; das wird doch unsere Demokratie nicht beeinflussen! Enge Verbindungen zu Russland sind für uns nicht nur wegen sicherer Gaslieferungen wünschenswert. Die Spaltung unseres Kontinents sollte endlich beendet und nicht noch vertieft werden. Es gibt auch einen Wandel durch Annäherung; und die Demokratie hat dabei die größte Kraft sich durchzusetzen.