/Journalistische Entgleisung des Schwarzwälder Boten

Journalistische Entgleisung des Schwarzwälder Boten

Peter Bulke/   In Lahr findet bekanntlich in diesem Jahr die Landesgartenschau statt. Kurz vor der Eröffnung hieß es zum Schluss in einem Artikel des Chefredakteurs des Schwarzwälder Boten, Jörg Braun:

Der blütenreiche Impuls soll Tagestouristen erfreuen, den Bürgern langfristige Verbesserungen bringen und als dritten Punkt das Image der Stadt Lahr kräftig aufpolieren. Die Kommune am Rande des Schwarzwäldes will mit der Gartenschau auch ihr Negativ-Bild einer „Russenstadt“ abstreifen. Nach Abzug kanadischer Truppen vor zwei Jahrzehnten waren rund 10.000 Spätaussiedler in Lahr angesiedelt worden. Das prägte und prägt Lahr gewaltig. Nun will der Ort ein blumig-fröhliches Gegengewicht setzen. …

Diesen Bemerkungen folgte keine große öffentliche Aufregung, weder in übrigen Medien, noch bei Politikern; denn das Negativ-Image der Stadt wurde doch „nur“ mit Spätaussiedlern, nicht mit sog. „Flüchtlingen“ aus dem Orient und Afrika in Verbindung gebracht! Unfaire Pauschalierungen gegenüber einer deutschen Volksgruppe werden stillschweigend geduldet. Heftige Reaktionen auf den genannten Artikel beschränkten sich deshalb vorwiegend auf die Gemeinschaft der Russland-Deutschen im Internet. Immerhin kam es in Lahr zu einer Ausspache zwischen Vertretern der russlanddeutschen Landsmannschaft und dem Chefredakteur des Schwarzwälder Boten.

Um bei dieser Gelegenheit an das Schicksal vieler Sowjet-Deutscher zu erinnern, wurde das obige Bild ausgewählt. Es ist der Umschlagseite eines Buches entnommen: „Das Schicksal der Deutschen in der Sowjetunion“ von Walter Lange, erschienen im Lichtzeichen-Verlag. Das Bild zeigt Inhaftierte eines Arbeitslagers. Sie wurden wie Sklaven behandelt. Viele der Hunderttausenden starben dort an Hunger, Entkräftung und extremer Kälte. Wer krank wurde, war besonders schlimm dran. Als Unproduktiver galt er als überflüssiger Esser. Über die Geschichte der Sowjet-Deutschen wird im Allgemeinen kaum informiert. Unter Schülern herrscht meistens eine große Unwissenheit, obwohl im Durchschnitt in jeder deutschen Schulklasse ein Schüler ist, der mindestens einen russlanddeutschen Elternteil hat.