/Keine „neue Ungerechtigkeit“

Keine „neue Ungerechtigkeit“

Peter Bulke/   Der Beschluss der Tafel in Essen, deutsche Staatsbüger bevorzugt zu berücksichtigen, hat Diskussionen bis in unsere Gegend ausgelöst. Von der Freiburger Tafel war zu vernehmen, dass sie nicht dem Essener Beispiel folgen werde. Auch im Landkreis ist bisher keine positive Reaktion festzustellen. Die Badische Zeitung titelte: „Eine neue Ungerechtigkeit“ und „Nächstenliebe nicht für alle“. Ausgelöst wurde das Problem durch den stark erhöhten Anteil an „Flüchtlingen“, die grundsätzlich auch zu den Kaufberechtigten bei den Tafeln gehören. Aber das Warenangebot lässt sich nicht entsprechend steigern. Wie sollten sich die Verantwortlichen verhalten, wenn zwischen Angebot und Nachfrage ein großes Mißverhältnis besteht? Die folgende Überlegung zeigt, dass die Entscheidung in Essen nachahmenswert ist.

Stellen wir uns einen „Flüchtling“ vor, dem es gelungen ist, nach Deutschland zu gelangen. Zwar hatte sein Asylgesuch keinen Erfolg, aber er genießt einen Abschiebeschutz. Er hat eine Unterkunft bekommen und erhält seine Sozialhilfe, die zwar nicht üppig ist, aber zum Lebensunterhalt ausreicht. Er hofft, auf Dauer in Deutschland bleiben zu können, hier Arbeit zu finden und sich eine Wohnung mieten zu können. Wenn diese Person „normal“ empfindet, würde sie etwa folgendermaßen denken: „Ich muss Deutschland dankbar sein, das mich ohne Gegenleistung aufgenommen hat und ich hier in Frieden leben kann. Zwar nutze ich auch gerne die günstigen Angebote der Tafel, aber wenn dort aufgrund der Warenknappheit die Deutschen vorrangig zugreifen dürften, empfände ich das eigentlich als fast selbstverständliche Reaktion. Es wäre ja geradezu unverschämt, zu verlangen, auch noch bei der Tafel den in Armut lebenden Deutschen gleichgestellt zu werden. Gelegentlich habe ich Hemmungen, den Einheimischen einen Teil des knappen Warenangebots vor der Nase wegzukaufen. Wenn alle gleichberechtigt sind und wir Flüchtlinge in Überzahl die Tafel belagern, werden uns vermehrt Neid und Missgunst begegnen.