Person Working on Laptop

Von: Dr. Richard Eckert

„Wenn ein Jugendlicher „rechts“ ist: Das ist klar, das liegt auf der Hand. Ist er aber „links“, so ist das überhaupt nicht klar und bedarf einer genauen Untersuchung“.

Ein Mitstreiter zu mir in den 1980er Jahren.

Kinder werden in Familien hineingeboren und übernehmen deren Anschauungen. So ist es zu verstehen, wenn in einer traditionell linken Familie der junge Mensch zunächst deren Ansichten übernimmt. Aber auch in anderen Familien sind junge Menschen gelegentlich scharf links: Sie wollen von ihrem Heimatland nichts wissen, damit verwandte Begriffe stoßen auf blanken Haß.

Neben der eigenen Familie beeinflußt der Freundeskreis den jungen Menschen. Außerdem ist es die Schule, in der er den Großteil seiner Zeit mit Geduld und Aufmerksamkeit verbringt.

Aha. Sind es vielleicht die „Omas gegen Rechts“, eventuell als LehrerInnen getarnt, die dort den Jugendlichen auf ihre Bahn ziehen? – Es ist natürlich der Lehrstoff, didaktisch aufgearbeitet, der ihm dargeboten wird und ihn auf die andere Seite zieht. Da ist Deutschland von 1933 bis 1945 die wichtige Fundgrube, die Welt der Verfolgung und Nachstellung. Meist nicht direkt abrufbar, sondern in Romanen der Nachkriegszeit dichterisch aufgearbeitet.

1. Anna Seghers, „Das siebte Kreuz“. In der DDR, in der ich damals lebte, Pflichtlektüre in der Oberstufe. Sieben Gefangene eines Konzentrationslagers fliehen über den Elektrozaun. Der Kommandant läßt sieben Kreuze aufstellen. Sechs der Flüchtigen werden gefaßt, das siebte Kreuz aber bleibt leer. Gut geschrieben, leider aus 10.000 km Abstand: Frau Seghers ging 1933 in die Schweiz, später nach Mexiko. Da ist mangelnde Detailtreue noch die verzeihlichste Schwachstelle.

2. Günter Grass, „Die Blechtrommel“, das Bestseller-Buch der 1960er Jahre. Der junge Matzerath, leicht zurückgeblieben, erlebt die Zeit bis 1945 in Danzig. Er ist von vornherein auf der Gegenseite. (Wie der Dichter Ernst Jünger über Danzig und den Polen-Konflikt 1939 schreibt: „Es ging um die Zugehörigkeit dieser Stadt. Später ging jede Nacht eine Stadt dieser Größe in Flammen auf“). Davon ist in dem Buch freilich keine Rede. Die sexuellen Einsprengsel in der „Blechtrommel“ erfreuen zwar den Leser, sind aber für den Deutsch-Unterricht weniger geeignet.

3. Siegfried Lenz, „Deutschstunde“. Der Maler Nansen wird im Dritten Reich mit einem Malverbot belegt, über dessen Ausführung der Dorfpolizist Jepsen, sein Jugendfreund, zu wachen hat. Als der Maler sich nicht dem Verbot fügt, verwüsten SA-Männer sein Atelier. In der Rahmenhandlung soll der Sohn des Polizisten einen Aufsatz schreiben über die Freuden der Pflicht, die er nicht teilen kann. – Das Lesen des Buches vergällt einem die Freude am Lesen allgemein, was gegen seine Verwendung im Schulunterricht spricht.

Lenz stützt sich auf die Gestalt des Malers Emil Nolde, der in der Ausstellung „Entartete Kunst“ mit zwei Bildern denunziert wird (grob gezeichnete Frauen), und ein Verkaufsverbot seiner Bilder erfährt. Nolde ist damals aber auch Anhänger der NS, Verehrer des Führers, und als Maler einer, der mit seinen Blumenbildern den Kunstnerv seiner Zeit trifft wie kaum ein anderer. Gemessen an den 2 bis 3 Prozent der Kunstschaffenden, die von ihrer Arbeit leben können (damals 8.000 RM im Jahr), hat Nolde laut Finanzamt jährlich ein Einkommen von 50.000 RM. Verkaufsverbot? Umgangen! Seine Blumen-Aquarelle erfahren eine solche Nachfrage aus dem Inland und wohl auch dem Ausland, daß er nicht alle Bilder verkauft, sondern einige verschenkt, andere behält. Zu Recht wird Nolde später in der Bundesrepublik mit dem Orden Pour le merite ausgezeichnet.

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Was das mit der Seitenwahl des Jugendlichen zu tun hat? An den abschreckenden Beispielen soll er sich entscheiden, für unser Land oder gegen unser Land. Was er bräuchte, wäre Urteilsvermögen, das er noch nicht hat. Ersatzweise wäre Mißtrauen angezeigt, sicher keine schöne Eigenschaft. Die ist aber im Leben angebracht, auch bei der eigenen Seitenwahl. Gehen wir keinem auf den Leim!