
Deutsche Fachwerkhäuser in der Colonia Tovar in Venezuela (Foto:privat)
Von: Klaus Rißler
Man schrieb den 19. Dezember des Jahres 1842, als 374 Personen (darunter 145 Männer, 96 Frauen und 133 Kinder) aus der Gegend des südwestdeutschen Kaiserstuhls, vorwiegend aus den Gemeinden Endingen, Forchheim, Wyhl und Oberbergen, die lange Schiffsreise auf dem Dampfschiff Clémence vom französischen Le Havre in der Bretagne aus antraten, um ihre europäische Heimat für immer zu verlassen und am 4. März 1843 in der bedeutenden venezolanischen Hafenstadt La Giaira,
ganz in der Nähe der Hauptstadt Caracas gelegen, im fernen Südamerika an Land zu gehen. Sie wurden dort bereits sehnsüchtig erwartet: Der damals in Paris weilende Geograph Oberst Augustin Codazzi war von der venezolanischen Regierung im Rahmen ihres Programmes zur Gründung von neuen Auswandererkolonien in dem dünnbesiegelten Land beauftragt worden, sich nach fleißigen und ausreisewilligen Personen in Europa umzusehen. Er machte sich umgehend auf den Weg – und wurde im Kaiserstuhl fündig.
Nach Quarantäne und einem beschwerlichen Marsch durch die nordöstlichen Ausläufer der Anden trafen die Auswanderer am 8. April 1843 an ihrem Ziel ein, einer auf 1.800 bis 2.000 Meter Meereshöhe liegenden gerodeten Urwaldfläche, auf der sich zur Enttäuschung der Siedler allerdings weder Unterkünfte noch einfachste Hütten befanden. Es blieb den Neuankömmlingen somit nichts anderes übrig, als sich in harter und entbehrungsreicher Arbeit daranzumachen, Behausungen zu errichten und das Land zu kultivieren. Dazu pflanzten sie Gemüse und Obst fürs eigene Überleben an, brauten bald das erste Bier Venezuelas und erbauten in Verbundenheit und Liebe zur alten Heimat nach und Wohnhäuser im von dort gewohnten und vertrauten Fachwerkstil. Die Gemeinschaft der bald Colonia Tovar genannten Siedlung, rund 70 Kilometer westlich der Hauptstadt Caracas gelegen und in damals unerschlossenem, kaum zugänglichem Gelände erbaut, sollte mehr als 100 Jahre lang praktisch autark bleiben, mit eigenen Gesetzen und Regeln. Die Nachfahren der Kolonisten blieben weitgehend unter sich und führten ein Leben in Abgeschiedenheit. Dieser Zustand änderte sich grundlegend erst durch den Bau einer Asphaltstraße im Jahr 1964, die eine Verbindung zur Außenwelt schuf – was sich im Laufe der folgenden Jahrzehnten auf die ethnische Zusammensetzung massiv auswirkte, ebenso wie auf den heimatlichen alemannischen Dialekt der „Ureinwohner“, die untereinander in der bereits vierten Generation das sogenannte “Alemán Coloniero”, “Kolonialalemannisch”, sprachen.
Nachhaltige Kontaktpflege
Kontakte zur Heimat der Vorfahren hatte es über fast 120 Jahre hinweg keine mehr gegeben. Dann kam es in den frühen 1960er Jahren rein zufällig zu einer Begegnung zwischen einem aus Endingen stammenden Kaiserstühler mit Menschen der Colonia Tovar. Der Besucher aus Baden konnte es kaum fassen, tausende Kilometer von Europa entfernt, mitten im venezolanischen Urwald, plötzlich den Dialekt seiner Heimat zu vernehmen. Es kam zu sehr herzlichen Begegnungen und mit großer Freude griffen die Nachfahren der “1842er” sein Angebot auf, mit der alten Heimat Kontakte nicht nur aufzunehmen, sondern diese auch noch stetig auszubauen. Trotz der in den Folgejahren infolge des Einzugs der Moderne durch die neue Verkehrsanbindung verständlicherweise stetig zunehmenden Vermischung der Kolonisten mit der spanischsprachigen venezolanischen Bevölkerung wurden die Beziehungen zwischen der alten und neuen Heimat immer weiter vertieft und alljährlich durch zahlreiche persönliche Kontakte und gegenseitige Besuche auch nachhaltig gepflegt.
Die alemannische Version des Deutschen, vor allem von der älteren Generation der Auswanderernachkommen nach wie vor gesprochen, ist mit der jenseits des Rheins von den Elsässern gesprochenen Mundart quasi identisch und beweist damit umso mehr, dass sich Menschen unmittelbar diesseits und jenseits des Rheins vor mehr als 180 Jahren rein sprachlich nicht voneinander unterschieden. Hingegen hat sich der alemannische Dialekt im rechtsrheinischen Raum im Lauf der Zeit durch den engen Kontakt mit der deutschen Hochsprache doch spürbar verändert beziehungsweise „geglättet“, während er bei den Menschen der Colonia Tovar quasi auf dem Stand von vor bald 200 Jahren „eingefroren“ wurde. Dennoch wird er von den alteingesessenen Kaiserstühlern nach wie vor problemlos verstanden. Die jüngeren Bewohner der Colonia Tovar allerdings sprechen bevorzugt Spanisch, um wegen ihres “Alemán Coloniero” in der Schule nicht ausgegrenzt zu werden. Dennoch wird die uralte Sprache der Vorfahren durch den engen Kontakt vor allem mit Endingen und Umgebung immer noch als wertvolles Kulturgut
hochgehalten. So kommt es auch immer wieder vor, dass viele Nachfahren der ersten Siedler ihre Ausbildung, vorwiegend in technischen Berufen, in Deutschland – der Heimat ihrer Vorfahren – erhalten, um danach dem südamerikanischen Arbeitsmarkt als hochqualifizierte und äußerst fleißige Fachkräfte zur Verfügung zu stehen.
Beliebtes Ziel für Binnentouristen aus Caracas
Sowohl mit ausdrücklicher Genehmigung als auch Ermutigung durch die historische Endinger Narrenzunft der Jokili von 1782 (abgeleitet aus dem Lateinischen “Joculator”, was so viel wie Spaßmacher, Possenreißer oder Spielmann bedeutet), die zur Narrenzeit (hierzulande als Fastnacht oder auch Fasnet bezeichnet) als eine der ältesten der Zünfte der Region in Erscheinung tritt, feiern die Bewohner der Colonia Tovar selbige ebenfalls im traditionellen Endinger „Jokili-Häs“ (“Häs” ist Alemannisch für Fasnets-Anzug) mit großer Begeisterung – im fernen südamerikanischen Sommer unweit des Äquators. Der winzige Unterschied zu den Endinger Narren besteht darin, dass das Häs der Tovarer Jokili einen kleinen Sticker mit den venezolanischen Nationalfarben gelb-blau-rot trägt. Die Narrenzunft der Tovarer Jokili war anlässlich des 225-jährigen Jubiläums der Narrenruft Endingen Ende Januar 2007 auch mit einer großen Delegation vertreten – darunter war auch ein farbiger Jokili, dem das Narrentreiben besonders viel Spaß gemacht zu haben scheint. Dessen gute Laune hat sich dann auch auf die beachtliche Anzahl der weit mehr als 10.000 Zuschauer übertragen.
Die Colonia Tovar, ein wahres Schmuckkästlein altdeutscher Architektur, hat sich mittlerweile zu einem stattlichen Gemeinwesen und einer veritablen Touristenattraktion mit mehr als 20.000 Einwohnern entwickelt. Bevorzugt am Wochenende setzen sich lange Autokolonnen aus dem unfernen Caracas in Gang, um der Siedlung einen Besuch abzustatten. Die Stadt ist ein Geheimtyp für Schlemmer und Freunde vielseitiger kulinarischer Genüsse. Mit der Marke “Colonia Tovar” verbinden die Binnentouristen aus der Millionenmetropole vor allem Erlebnisgastronomie – wie im “Café
Muuhstall”, im Restaurant “Rebstock”, im “Mutterhaus” oder im örtlichen Biergarten, wo für regionale Verhältnisse exotisch anmutende blonde, blauäugige Bedienungen im Dirndl wahre kulinarische Orgien zelebrieren und Würstchen, Kassler, Eisbein mit Sauerkraut an Germknödeln, Apfelstrudel und Schwarzwälder Kirschtorte kredenzen. In den Souvenirläden sind Kuckucksuhren der Renner. Manch ein Leser mag das als Kitsch empfinden; für die Tovarer ist es jedoch eine Reminiszenz an die Heimat ihrer Vorfahren, die keinesfalls mit altbackener Deutschtümelei gleichzusetzen ist – denn auch wenn sie ihre kulturellen Wurzeln nie vergessen haben, fühlen sich die Bewohner der Colonia allesamt als stolze Venezolaner. Ist es nicht bewundernswert, wenn fern der Heimat der Ahnen bis heute eine alte und selbst in Deutschland vielerorts vergessene Kochkultur auf allerhöchstem Niveau gepflegt und auch das nach deutscher Brautradition hergestellte Bier angeboten wird?
Ein wahres Beispiel für Bereicherung
Fleiß, Disziplin und Gemeinsinn werden nach alter Väter Sitte bis heute hochgehalten in der Kolonie – und so ist es auch nicht verwunderlich, dass das von fleißigen Siedlern aufgebaute Gemeinwesen zu den Siedlungen mit dem höchsten Bruttoinlandsprodukt in Venezuela gehört. Die 374 “Gründungsväter”, die sich 1842 eher notgedrungen dazu entschlossen, ihre Heimat infolge mehrerer aufeinanderfolgender und klimatisch bedingter Missernten zu verlassen (ja so etwas wie Klimawandel oder klimatische Einflüsse gab es vor bald 200 Jahren tatsächlich, mit realen spürbaren Auswirkungen und ganz ohne Medien-Alarmismus!), verwandelten in gebirgiger Höhe eine bei ihrer Ankunft vollkommen trostlose Gegend binnen weniger Jahre in einen blühenden Garten Eden. Der Kontrast zu dieser Aufbauleistung, die sich in ähnlicher Form auch bei deutschen Auswandererkolonien Brasilien, Paraguay, Argentinien, Chile, den USA oder Australien findet, zu der Form von vielfach parasitären Prekariatsmigration, die seit zehn Jahren nach Deutschland strömt, könnte gar nicht größer sein – obwohl die Befürworter der Massenmigration bis heute solche Gleichsetzungen anstellen. Doch die damaligen realen
deutschen Fachkräfte fanden in Venezuela, im Gegensatz zu den Millionen hierzulande mit Steuergelder rundumversorgter Merkel-Gäste – weder auch nur die einfachsten Hütten noch bequeme Häuser und Wohnungen vor, erhielten keine Existenzsicherung und waren gezwungen, sich all das durch ihrer eigenen Hände Arbeit aufzubauen. Das einzige, das ihnen kostenlos zur Verfügung gestellt wurde, war Grund und Boden in einem nur schwach besiedelten Land.
Wie sehr sie jedoch an ihrer alten Heimat hingen und sie diese bis heute immer noch innig lieben, wird in dem kleinen, von ihnen liebevoll geschaffenen Fleckchen Deutschland mitten in Venezuela selbsterklärend dokumentiert. Eine bessere Werbung sowohl für die deutsche Kultur fernab des Mutterlandes als auch für das Beispiel einer tatsächlich großartigen kulturellen Bereicherung für das Gastland konnte es fürwahr nicht geben; auch dies als völliger Gegensatz zu der “Bereicherung”, die im gegenwärtigen Deutschland mit seiner explodierenden, vorwiegend von Problemmigranten ausgehenden Gewalt und dem stetigen Abbau demokratischer Strukturen zu beobachten ist. Und so verwundert es auch nicht, dass das angeblich „beste Deutschland, das es je gegeben hat“ (Frank-Walter Steinmeier) mit den Nachkommen des eigenen Volkes wie den deutschstämmigen Menschen aus Venezuela völlig anders, ja geradezu feindseliger umspringt als mit den Millionen kulturfremden afrikanischen und arabischen Wirtschaftsmigranten und Gefährdern, die hier trotz Integrationsverweigerung und überproportionaler Kriminalitätsneigung mit Samthandschuhen angefasst und hofiert werden – wie vor wenigen Jahren ein in einer badischen Regionalzeitung veröffentlichter, schier unglaublicher Vorfall zeigte.
Die Schande deutscher Ausländerpolitik
Worum ging es? Einem deutschstämmigen Bäcker der Colonia Tovar, der aufgrund der Misswirtschaft des linkssozialistischen venezolanischen Maduro-Regimes seinem Handwerk nicht mehr nachgehen konnte und akut in seiner Existenz bedroht war, da er seit vielen Wochen kein Mehl mehr erhielt, war eine mehrmonatige Aufenthaltserlaubnis für Deutschland erteilt worden. Er reiste daraufhin in die Partnergemeinde Endingen. Ein dortiger Bäckermeister stellte ihn daraufhin ein, um ihm eine Verdienstmöglichkeit zu geben und ihm so zumindest temporär über die Krise in seinem Heimatland hinwegzuhelfen. Das Visum für seinen Aufenthalt wurde nicht verlängert, obwohl der Mann gerne in der Endinger Bäckerei weitergearbeitet hätte. Im Interview mit besagter Lokalzeitung berichtete er, dass sein Visum in wenigen Tagen ausliefe und er im Falle der Nichtbeachtung ausgewiesen würde – und da er mit offizieller Identität, bekanntem Wohnsitz und dank korrekter Befolgung aller bürokratischen Vorgaben für die Behörde zu “greifen“ war, bestand auch überhaupt kein Zweifel daran, dass der erklärten Absicht des zuständigen Ausländeramts, ihn abzuschieben, auch Taten folgen würden.
Man kann sich lebhaft vorstellen, welch unbändige Wut mich auf die von “Mutti” Merkel verbrochene Politik dieses Landes ergriff, die Millionen völlig unbekannte Menschen zumeist ohne Ausweispapiere ins Land ließ – Dahergelaufene, die den Steuerzahler pro Jahr Dutzende Milliarden Euro ärmer machen, ohne auch nur den geringster Gegenwert für ihr erhaltenes Rundumsorglos-Paket zu leisten, die nebenbei noch meterlange Strafakten anhäufen –, ohne dass bei ihnen überfällige Ausweisungen durchgezogen werden. Doch einen fleißigen, zudem deutschstämmigen Bäcker aus Venezuela nach will man nach Ende des Visums knallhart abschieben.

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